KI in Beauty Apps

Kurzer Scan für lange Kundenbindung

Auch die Beauty-Branche kommt an Künstlicher Intelligenz nicht vorbei.
Das sichtbarste Symptom dafür sind KI-gestützte Beauty Apps, die Nutzern personalisierte Empfehlungen unterbreiten. Die Anwender profitieren
von schnellen und aussagekräftigen Ergebnissen, die Produzenten von einer weitreichenden Personalisierung.
Die Funktionsweise der meisten KI-gestützten Beauty Apps großer Unternehmen der Branche ähnelt sich ebenso wie das strategische Ziel dahinter. Anwender scannen ihr Gesicht mit dem Smartphone ein. Die KI wertet die Eingabe aus und gibt personalisierte (Produkt-)Empfehlungen. L´Oreal Paris ist ebenso mit einer KI Beauty App am Start wie Johnson & Johnson, Estée Lauder und viele weitere.

L´Oreal Paris: „Skin Genius” erstellt Hautpflegeroutine

L'Oréal Paris hat mit „Skin Genius“ eine KI-basierte App zur Bewertung von Hautmerkmalen entwickelt. Die App erstellt eine detaillierte Hautdiagnose und individuelle Pflegeempfehlungen.

Skin Genius analysiert acht Attribute wie Linien, Falten, Festigkeit, Porenqualität, Pigmentierung und Strahlkraft. Die App vergleicht dazu ein Selfie der Nutzer mit einer fünfstelligen Anzahl an klinisch bewerteten Bildern und erteilt anschließend persönliche Empfehlungen für Beauty Produkte. Den Entwicklern zufolge erreicht Skin Genius eine Genauigkeit von bis zu 95 % - und zwar über verschiedene Hauttypen und ethnische Abstammungen hinweg.

Johnson & Johnson: Skin360

Der US-Konzern Johnson & Johnson ist mit „Neutrogena Skin360“ ebenfalls auf den Zug aufgesprungen. „Skin360 ist ein virtuelles Hautanalysetool, das Ihnen hilft, Ihre Hautziele zu identifizieren und Ihnen dann Produktvorschläge und Tipps gibt, die Ihnen helfen, Ihre Hautpflegeziele zu erreichen“, bewirbt das Unternehmen seine Entwicklung.

Dazu analysiert Neutrogena Skin360 drei Selfies (eines von vorne und eines von jeder Seite) mit über 100.000 Hautpixeln und mehr als 2.000 Gesichtsmerkmalen. Die Bilder der Anwender werden dann mit einer Datenbank von 10.000 Bildern verglichen, die von Dermatologen bewertet wurden. Anschließend ermittelt die App eine Punktzahl für sechs Hautmerkmale. Die Ergebnisse sollen Anwendern Bereiche aufzeigen, in denen Verbesserungen möglich sind – und auch gleich die passenden Produkte beinhalten.

Estée Lauder: Sprachgesteuerter Makeup Assistant hilft Nutzern mit Sehbehinderung

Estée Lauder brachte im November 2023 sogar eine KI-gestützte Beauty App für sehbehinderte Nutzer auf den Markt. Der Voice-Enabled Makeup Assistant (VMA) soll dabei helfen, Make-up einfacher und sicherer aufzutragen.

Die Smart Mirror-Technologie von VMA basiert auf Augmented Reality- und künstlichen Intelligenzfunktionen und wurde mithilfe von maschinellem Lernen entwickelt. VMA verwendet Sprachanweisungen, um den Benutzer beim Schminken zu unterstützen.

Benutzer erhalten Audio-Feedback und Tipps, ob ihr Lippenstift, Lidschatten oder ihre Grundierung gleichmäßig aufgetragen sind. Mithilfe von KI erkennt die App das auf dem Gesicht eines Benutzers aufgetragene Make-up und beurteilt die Gleichmäßigkeit und Grenzen des Auftragens und der Deckung.

VMA erkennt laut Entwickler alle Bereiche im Gesicht, die möglicherweise genauer aufgetragen werden müssen, und beschreibt hörbar, wo möglicherweise Nachbesserungen erforderlich sind.

Beauty Apps: Einer der größten Entwickler sitzt in Taiwan

Die meisten Produzenten von Kosmetik- und Pflegeprodukten entwickeln die Apps nicht selbst. Johnson & Johnson etwa kooperierte mit dem in Taiwan ansässigen Anbieter von KI- und Augmented-Reality-Technologie Perfect Corp.

Das Portfolio von Perfect umfasst weitaus mehr und adressiert sowohl Unternehmen als auch Verbraucher. Unternehmenskunden bietet Perfect mit AgileHand, Makeup AR, Live 3D Face AR, Skincare AR und Face AI eine ganze Palette an Lösungen für die Interaktion mit Konsumenten. AR steht dabei für „Augmented Reality – neben KI eine weitere technologische Basis für Beauty Apps. 

Verbraucher können mit den Apps der Perfect Corp Make-up virtuell ausprobieren, Gesichtszüge in Fotos bearbeiten, Akne aus Bildern entfernen und vieles mehr.

Das Potenzial der Personalisierung: Grenzenlos?

Dass KI-basierte Beauty Apps aus Sicht der Produzenten der Verkaufsförderung dienen, liegt auf der Hand. Marketingstrategen sehen in den Anwendungen sehr großes Potenzial, weil ein hoher Grad der Personalisierung erreicht wird.

Bislang beschränkt sich diese Personalisierung noch auf die Zusammenstellung eines mehr oder minder individuellen Warenkorbs.

In Zukunft sind noch weitaus mehr Personalisierungen denkbar – bis hin zur Anfertigung individueller Produkte. So ist vorstellbar, dass KI Beauty Apps im Laufe der Zeit lernen, welche Produkte zum Erfolg führen – und zwar anhand von Bildern der Anwender zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach der Nutzung zuvor empfohlener Produkte.

Ist die Datenbasis nur groß genug, könnte die KI künftige Rezepturen individuell vorschlagen – und direkt an eine Smart Factory/Manufaktur senden, in der die Bestellung produziert wird oder die Anfertigung zuhause mit zuvor gelieferten Inhaltsstoffen vornehmen.

Allzu weit ist der Weg dorthin vielleicht nicht, wie ein Blick auf den Lippenfarbengenerator „Rouge Sur Mesure“ von Yves Saint Laurent zeigt. Anwender können damit bis zu 4000 Lippenstifttöne auf Knopfdruck kreieren. Eine App dazu gibt es bereits: Diese kann z. B. das Outfit scannen und den dazu passenden Lippenstift vorschlagen. KI ist in der App noch nicht verbaut. Gut möglich aber, dass sich auch hier noch Anwendungen entwickeln.

All das ist jedoch noch Zukunftsmusik. Vorerst beschränkt sich das Potenzial der KI Beauty Apps auf die Personalisierung des Warenkorbs innerhalb des bestehenden Sortiments. Doch auch dieses Potenzial ist groß: Mckinsey stellte 2021 in einer Studie fest, dass mehr als 70 % der Verbraucher beim Einkauf mittlerweile eine Personalisierung erwarten. Je nach Umfrage geben zudem bis zu 75 % an, für personalisierte Einkaufserlebnisse mehr zu bezahlen.

Einen Besuch beim Dermatologen ersetzen die Apps nicht

Vereinzelte Kritik an KI Beauty Apps kommt von Dermatologen. Diese warnen: Einen Besuch beim medizinisch ausgebildeten Spezialisten können die Anwendungen nicht ersetzen.

Der Dermatologe Raj Chovativa aus Chicago etwa warnt, es gebe Fragen dazu, wie die Tools zur Arbeitsweise von Dermatologen passen könnten. Im besten Fall könnten Patienten Analysen zuhause durchführen und die die Liste der empfohlenen Produkte aus der App zu einem Termin mit einem Hautspezialisten bringen.

Dermatologen – die oft über mehr Informationen zur Hautgeschichte eines Patienten verfügen – könnten dann etwa vor Inhaltsstoffen warnen, auf die in der Vergangenheit schlecht reagiert wurde.

Bijan Safai, Vorsitzender der Dermatologieabteilung des New York Medical College, warnt vor Fehlinterpretationen. Sollte eine App etwa eine Infektion als Akne identifizieren und ein Beauty Produkt empfehlen, könne dies dem Patienten mehr schaden als nutzen.

Zurück zum Blog